Gestern in der Vorlesung zu Umweltpolitik hatte unser Professor unter anderem erötert, dass der Begriff der Umweltpolitik kontextbezogen sehr differenzieren kann. Als Unterbegriffe lassen sich so Umweltschutzpolitik, Naturschutzpolitik, Ressourcenpolitik und Ökologiepolitik unterscheiden. Anhand des Beispiels von Offshore-Windparks zeigte er uns, dass Umweltschutzpolitik im direkten Widerspruch zu Naturschutzpolitik stehen kann.
Umweltpolitik, bei der die Nutzung natürlicher Ressourcen durchaus erlaubt ist und auch ein Eingriff per se nicht schlecht ist. Das Ziel sei hier die Vermeidung von Schäden zur Wohlfahrtsvermehrung (z.B. Raubbau von Wäldern, wodurch Waldboden vernichtet wird und keine nachhaltige Forstwirtschaft mehr möglich ist). Eine Umweltpolitik dagegen mit Fokus auf den Naturschutz möchte die Natur, so wie sie ist, bewahren, in ihrem Zustand belassen. Es besteht ein Eingriffsverbot. Forstwirtschaft ist also an sich schlecht, sowie jeglicher Bau von Gebäuden in natürlicher Umgebung etc. So gesagt: Naturschutz agiert und argumentiert auf lokaler, maximal regionaler Wirkungsebene, während Umweltpolitik global argumentiert und einwirkt. Offshore-Windparks greifen als Bauwerke in der Natur daher sehr wohl in die Natur ein, sind aber aus umweltschutzpolitischer Sicht zu befürworten, weil sie fossile Energieträger ersetzen.
Soviel zu seinen theoretischen Ausführungen. Das Beispiel der Offshore-Parks ließ mich aber weiter denken. Es ist, meiner Meinung nach, noch viel mehr zu beachten, als nur der Eingriff in die örtliche Natur und die Einsparung von fossilen Energieträgern/CO2- Emissionen.
Wie denn nun Offshore-Windparks (=Windparks außerhalb der 12-Meilen-Zone) auf die Natur einwirken, wusste ich selbst nicht so genau (der Professor auch nicht). Hierzu gibt es wohl ein paar Studien, zum Beispiel diese hier.Es kamen keine wirklich gravierenden Ergebnisse heraus, je nach Tierart und Ort gab es unterschiedliche Verhaltensweisen (entweder Vermeidung oder verstärktes Aufhalten im Bereich der Windparks). Im Deutschlandfunk wurde erst kürzlich berichtet, dass eine niederländische Studie ergeben hat, dass die Biodiversität um Offshore-Windparks signifikant höher sei. Vielleicht, weil es um die Windparks ruhiger ist als auf der offenen See, weil ja die Schiffe die Parks großflächig umfahren müssen. Traurig, dass es solche Anlagen bedarf, bei denen Meerestiere sich überhaupt noch zurückziehen können. Jedenfalls scheinen Schweinswale, die ein sehr empfindliches Gehör haben, hier wirklich Ruhe zu finden.Es lässt sich grob zusammenfassen: Im Betrieb scheinen Offshore-Windparks nicht sonderlich weit zu stören.
Das Gegenteil von Ruhe findet jedoch beim Bau statt. Und jetzt kommen wir zu den unangenehmen Aspekten: Beim Bau werden die Meeresbewohner erheblichst gestört. Der Spiegel hatte hierzu eine gute Meldung geschrieben, die das Thema gut darstellt. Es gibt auch Unterwasserschallgrenzen, um die Meerestiere zu schützen. Beim Bau von den Windparks werden die aber nicht eingehalten (obwohl es technische Möglichkeiten dazu gäbe). Ob es für die Bauunternehmen da irgendwelche Konsequenzen gibt, vermute ich mal eher nicht. Umweltschützer (eigentlich müsste es ja laut obiger Formulierung eher Naturschützer heißen) fordern jedenfalls, solange diese Schallemissionen beim Bau nicht kontrolliert eingedämmt werden, darf nicht mehr gebaut werden.
Dies stellt den direkten Konflikt dar: Auf der einen Seite winkt der große, grüne Strom, auf der anderen Seite gehen die Betreiber hierbei über Leichen.
Aber ich denke nicht, dass Offshore-Windparks nicht nur aus der Naturschutzperspektive vermieden werden soll, sondern auch aus umweltpolitischer Sicht.
Sicher es gibt viele schöne attraktive Seiten der Offshoreparks: Sie befinden sich an Orten, wo viel Wind weht, produzieren also mehr Strom als auf dem Festland (rein theoretisch), stören keine Landschaftsbilder. Bürgerbegehren (oder auch -beteiligung) gibt es nicht. Die paradoxe Situation, dass wir in Deutschland unsere Energie vermehrt aus erneuerbarer Energie beziehen wollen, aber gleichzeitig niemand eine Windkraftanlage in seiner Nähe haben möchte, wird umgangen.
Aber es gibt genauso auch Nachteile. Der Betrieb geht von Großunternehmen aus. Es gibt einige, große Windparks, die Leistungen von mehreren Megawatt haben und so schon an Kohlekraftwerke heranreichen (in Großbritannien gibt es auch einige schöne Beispiele dafür, zum Beispiel Vattenfalls! Thranet-Anlage mit 300 MW!). Aber wir brauchen nicht nur einen prozentual höheren Anteil erneuerbarer Energien (um genau zu sein 100%), sondern auch das Versorgungssystem muss sich ändern. Weg vom Zentralismus, weg von Oligopolen, hin zu dezentraler Energieversorgung, mit vielen kleinen Anbietern. Hier in Österreich sind sie schon ein Schritt weiter. Es gibt vielerlei Gemeinden, die den Schritt in die Energieautarkie gewagt haben. Es gründeten sich Genossenschaften – die Leute, die die Energie beziehen, besitzen auch die Energieanlage. So provitiert die Gemeinschaft doppelt davon: Unabhängig von teurer werdenden fossilen Energieträgern und unabhängig von monopolähnlichen Energieversorgern. Und dabei lässt sich auch noch Geld verdienen.
Diese Möglichkeiten für eine regionale Entwicklung werden mit Offshore-Parks nicht genutzt.Nein, sie stellen nur wieder eine andere zentrale Energieversorgung dar, zwar nicht fossil. Aber trotzdem muss man sich fragen, wie soll der Strom von Nord- und Ost in das dichter besiedelte Ruhrgebiet oder in den Süden gelangen? Das sind wieder extrem weite Wege, mit hohen, unnötigen Energieverlusten, die wir nicht hätten, wenn es mehrere kleine Kraftwerke – primär egal welcher Art – gibt. Nein, da kommt die große Diskussion auf, dass wir neue Leitungsnetze brauchen, die extrem teuer sind und wo es dem Bürger schon wieder ganz nach neuen Energien vergeht.
Und das nächste: Offshore-Windparks befinden sich sehr weit draußen auf dem Meer. Der Bau ist wesetnlich teurer und auch energieintensiver als Windparks auf dem Festland. Es müssen neue Stromkabel auf dem Meeresgrund verlegt werden. Und vor allem, wenn sie wirklich außerhalb der 12 Meilen-Zone liegen, dann müssen eben erstmal diese 12 Meilen überwunden werden, bis überhaupt ein Abnehmer in der Nähe ist. Unnötiger Energieverlust (auch wenn dies nur recht gering ist, es ist eben unnötig). Zwar sollen sich die Offshore-Anlagen nach bereits fünf Monaten im Betrieb amortisiert haben. Aber gleiches gilt auch für Onshore-Parks.
Die Wartung stellt sich außerdem nicht so einfach dar wie auf dem Festland. Es werden immer Hubschrauber benötigt, bei Onshore-Parks ist das nicht zwingend notwendig. Diese können jedoch nur bei entsprechender Witterung fliegen. Offshore-Parks werden aber extra in windreichen Gebieten gebaut. Sollte es zu einem Störfall kommen, vor allem im Winter, können die Anlagen unter Umständen wochenlang nicht repariert werden – ein Ausfall, der wohl in kaum einer Statistik auftauchen wird.
Dazu schreiben Betreiber über die Anlage Alpha Ventus:
“Für Servicearbeiten vom Schiff aus wird alpha ventus nur an etwa 20 Prozent aller Tage zugänglich sein. An anderen Tagen kommt der Helikopter zum Einsatz. Nicht ganz ungefährlich, denn die Techniker müssen sich bei Wind und Wetter etwa 10 Meter tief abseilen. Dieser “windige” Service ist an 60 Prozent aller Tage möglich. “
Insgesamt gesehen stehe ich der ganzen Sache skeptisch gegenüber. Ich meine nicht, dass man auf Offshore-Parks komplett verzichten sollte. Aber die herrliche deutsche Bundesregierung hat eben erst jüngst in der neuen EEG-Novelle wieder (fast ausschließlich) mit der verstärkten finanziellen Förderung von Offshore-Anlagen eine zentrale Energieversorgung gefördert. Und andere Energieformen bleiben hintan stehen. Aber bitte – solange die Frage einer ökologisch verträglichen Errichtung noch offen ist, kann die Regierung doch bitte nicht schon fördern, dass in den nächsten Jahren sehr viele neue Anlagen errichtet werden!? Diese naturschützlichen Probleme ließen sich sicher beheben, dazu gibt es bereits Ansätze. Doch mir gefällt diese Fokusierung auf ein zentrales Netz nicht. Es macht das System destabiler.
Tschüss, bis neulich
Die Studentin